NZZ, 31.01.2015

Von Felix Lee

Wie schon in den letzten zwei Jahren rollt auch in diesem Winter eine Welle der Vogelgrippe über China. Die Gesundheitsbehörden sind besorgt. Doch die chinesischen Staatsmedien berichten nur wenig darüber.

In Ländern mit unabhängiger Presse sind es normalerweise die Medien, die bei Seuchen Alarm schlagen und die Bevölkerung aufrütteln. Nicht aber in China: Seit Wochen sind die Gesundheitsbehörden alarmiert und warnen vor einer neuen Welle der Vogelgrippe. Doch die meist staatlich kontrollierten Medien berichten allenfalls in kleinen Meldungen darüber.

Fragt man die Geflügelhändler auf den Pekinger Märkten, erntet man Achselzucken. Die meisten haben vom Ausbruch der Vogelgrippe noch nicht einmal gehört. Dabei ist die Lage in diesem Winter durchaus ernst. Seit November sind mehr als 50 Personen an der Vogelgrippe des Typs H7N9 erkrankt, mindestens 11 von ihnen sind daran gestorben. Das staatliche Gesundheitsamt berichtet von 15 weiteren Patienten, die sich im Krankenhaus in kritischem Zustand befinden. Infektionen mit dem H7N9-Virus wurden sowohl aus den Provinzen Guangdong und Fujian in Südchina als auch aus den ostchinesischen Provinzen Zhejiang, Jiangsu, Jiangxi, Shandong, der Hafenmetropole Schanghai und der Region Xinjiang im Nordwesten gemeldet.

Kanadierin infiziert

Am vergangenen Dienstag ist zudem bekanntgeworden, dass sich eine kanadische Frau angesteckt hat. Sie soll sich auf einer Chinareise infiziert haben und das Virus wahrscheinlich auch auf ihren Mann übertragen haben. Beide leiden nach kanadischen Behördenangaben derzeit unter Fieber und Husten, ihr Gesundheitszustand soll aber so stabil sein, dass sie sich zu Hause in selbstauferlegter Isolation erholen können. Zum ersten Mal wurde damit ein Fall von Vogelgrippe des Typs H7N9 auch in Nordamerika festgestellt.

Diesen Erregerstamm haben Wissenschafter erstmals vor zwei Jahren in China entdeckt. Er gilt auch deswegen als so gefährlich, weil vermutet wird, dass er nicht nur von Vögeln auf den Menschen, sondern auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Die grosse Angst der Experten: H7N9 könnte so weit mutieren, dass er bei der Mensch-zu-Mensch-Übertragung eine Pandemie auslöst. Davon gehen die Forscher bis jetzt aber nicht aus. Kanadas Gesundheitsministerin Rona Ambrose versicherte, das Risiko einer Ansteckung sei sehr gering. Dieses Virus springe nicht so leicht von einer Person auf die nächste über. Die bisher weltweit 500 infizierten Menschen kamen alle aus China. Ein Drittel der Erkrankten starb. Die meisten Infektionen gingen auf direkten Kontakt mit Geflügel zurück.

Schädlich für Geschäfte

Warum in China – anders als etwa im ebenfalls betroffenen Taiwan – dennoch so wenig über die Infektionen zu hören und zu lesen ist, dürfte wirtschaftliche Gründe haben. Medienberichte über die Gefahren der Vogelgrippe lösten in China immer eine Überreaktion in der Öffentlichkeit aus, zitiert die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua einen Geflügelhändler in der Provinz Fujian. Allein im vergangenen Winter soll die Vogelgrippe die Geflügelindustrie umgerechnet mehr als fünf Milliarden Franken gekostet haben. «Der Ausbruch lässt unseren Absatz sinken», sagt der Geflügelhändler aus Fujian.